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Research Note 004 · Impact50

Evidence Acquisition statt Dokumentenerfassung

Eine Forschungsposition von Impact50 – mit einer gesonderten Einordnung für die berufliche Entwicklung 45+.

Originaltext · unverändert

Impact50 Research Note 004 Evidence Acquisition statt Dokumentenerfassung Warum Interviews, Dokumente und Wissensdatenbanken nicht genügen Arbeitsfassung 0.1 ⸻ Abstract Organisationen investieren erhebliche Ressourcen in Dokumentation, Wissensdatenbanken und Interviews mit Experten. Dennoch entsteht häufig dieselbe Erfahrung: Nach Abschluss der Dokumentation bleiben entscheidende Zusammenhänge unklar. Das Ergebnis ist eine Beschreibung dessen, was getan wurde – nicht jedoch, wie eine Erkenntnis entstanden ist. Diese Research Note entwickelt die Hypothese, dass zukünftige Wissenssysteme weniger Dokumente sammeln, sondern Erkenntnisprozesse rekonstruieren müssen. Daraus ergibt sich eine neue Perspektive auf Evidence Acquisition: Nicht Informationen stehen im Mittelpunkt, sondern die systematische Erhebung der Evidenz, aus der menschliche Erkenntnis entsteht. ⸻ 1. Dokumente sind Endprodukte Fast alle heutigen Wissenssysteme arbeiten mit bereits vorhandenen Artefakten. Sie erfassen beispielsweise: Dokumente Protokolle Prozessbeschreibungen Interviews Videos Präsentationen Datenbanken Allen gemeinsam ist: Sie beginnen nach dem eigentlichen Erkenntnisprozess. ⸻ 2. Das eigentliche Problem Nehmen wir einen erfahrenen Servicetechniker. Ein Interview könnte ergeben: „Bei diesem Fehler tausche ich normalerweise Ventil B.“ Eine gute Dokumentation ergänzt: „Vorher Druck abbauen.“ Eine sehr gute Dokumentation ergänzt: „Weil andernfalls Dichtung X beschädigt werden kann.“ Alles richtig. Aber noch immer fehlt eine Frage. Woher wusste der Experte überhaupt, dass Ventil B betroffen war? Genau dort beginnt die eigentliche Erkenntnis. ⸻ 3. Dokumentation rekonstruiert Ergebnisse Klassische Wissensdokumentation arbeitet überwiegend retrospektiv. Der Ablauf lautet häufig: Erfahrung ↓ Interview ↓ Dokument ↓ Wissensdatenbank Dabei geht zwangsläufig ein Teil der ursprünglichen Denkstruktur verloren. Nicht aus Nachlässigkeit. Sondern weil sie häufig gar nicht erhoben wird. ⸻ 4. Evidence Acquisition Impact50 verwendet dafür den Begriff Evidence Acquisition. Darunter verstehen wir derzeit nicht das Sammeln von Dokumenten, sondern die gezielte Rekonstruktion des Erkenntnisprozesses. Dabei interessiert nicht nur, welche Entscheidung getroffen wurde, sondern beispielsweise auch: Welche Beobachtung war ausschlaggebend? Welche alternativen Deutungen wurden erwogen? Welche Evidenz sprach dafür? Welche dagegen? Wann entstand Unsicherheit? Welche Erfahrung beeinflusste die Entscheidung? Unter welchen Bedingungen wäre eine andere Schlussfolgerung sinnvoll gewesen? ⸻ 5. Evidenz ist mehr als Belege Der Begriff Evidence wird häufig mit Nachweisen oder Quellen gleichgesetzt. Im Kontext von Impact50 verstehen wir Evidence umfassender. Evidence beschreibt sämtliche Informationen, die für die Entstehung einer Erkenntnis relevant waren. Dazu gehören unter anderem: Beobachtungen Messwerte Erfahrungen Vergleiche Annahmen Gegenargumente Kontext Unsicherheit Evidence bildet damit nicht nur die Grundlage einer Entscheidung, sondern die Grundlage des gesamten Erkenntnisprozesses. ⸻ 6. Von Interviews zu Erkenntnisdialogen Ein klassisches Experteninterview fragt: „Wie machen Sie das?“ Evidence Acquisition stellt zusätzliche Fragen. Zum Beispiel: Woran haben Sie erkannt, dass überhaupt gehandelt werden musste? Welche Beobachtung war entscheidend? Welche anderen Erklärungen kamen ebenfalls infrage? Warum haben Sie diese verworfen? Wann würden Sie heute anders entscheiden? Dadurch verändert sich der Charakter des Gesprächs. Es entsteht kein Interview mehr. Es entsteht ein Erkenntnisdialog. ⸻ 7. Die Rolle künstlicher Intelligenz Aktuelle KI-Systeme können bereits heute Gespräche transkribieren, strukturieren, zusammenfassen, Fragen generieren, Zusammenhänge erkennen. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht in der Automatisierung. Sondern in der Qualität der Fragen. Eine KI, die nur Antworten sammelt, erzeugt bessere Dokumentation. Eine KI, die den Erkenntnisprozess rekonstruiert, unterstützt Evidence Acquisition. ⸻ 8. Konsequenzen für Wissenssysteme Sollte sich diese Sicht bestätigen, verschiebt sich der Fokus zukünftiger Wissenssysteme. Nicht: Dokumente verwalten sondern: Erkenntnisprozesse begleiten. Nicht: Information speichern sondern: Evidenz rekonstruieren. Nicht: Antworten sammeln sondern: die Entstehung von Antworten nachvollziehbar machen. ⸻ 9. Die Arbeitshypothese von Impact50 Impact50 entwickelt derzeit folgende Arbeitshypothese: Erkenntnis kann langfristig nur dann fortgesetzt werden, wenn die Evidenz ihrer Entstehung rekonstruiert werden kann. Damit erhält Evidence Acquisition eine andere Rolle. Sie ist nicht Vorstufe der Dokumentation. Sie wird zum eigentlichen Kern zukünftiger Wissenssysteme. ⸻ Offene Forschungsfragen Aus dieser Arbeit ergeben sich unter anderem folgende Fragen: Welche Evidenzarten existieren? Welche Evidenz ist explizierbar? Welche bleibt implizit? Wie verändert Sprache die Evidenz? Welche Evidenz geht beim Erinnern verloren? Welche Evidenz kann KI erschließen? Welche muss zwingend vom Menschen stammen? Wie lässt sich die Qualität eines Erkenntnisdialogs messen? ⸻ Vorläufiges Fazit Die Digitalisierung der letzten Jahrzehnte hat Dokumentation erheblich verbessert. Die nächste Entwicklungsstufe könnte jedoch nicht bessere Dokumentation sein, sondern eine neue Form der Wissensgewinnung. Evidence Acquisition versteht Wissen nicht als fertiges Objekt, sondern als Ergebnis eines nachvollziehbaren Erkenntnisprozesses. Die langfristige Forschungsfrage lautet deshalb: Wie lässt sich die Entstehung menschlicher Erkenntnis so erfassen, dass sie auch Jahre später noch überprüft, verstanden und weiterentwickelt werden kann?

Ergänzende, freigegebene Einordnung

Bedeutung für die berufliche Entwicklung 45+

Ein Lebenslauf beschreibt meist, welche Aufgaben jemand übernommen und welche Ergebnisse er erzielt hat. Er zeigt jedoch selten, wie ein Mensch Probleme erkannt, unterschiedliche Erklärungen geprüft und unter Unsicherheit gehandelt hat. Genau diese Denk- und Handlungskompetenzen können für erfahrene Berufstätige besonders wertvoll sein. Der Ansatz der Evidence Acquisition eröffnet die Möglichkeit, solche Kompetenzen durch gezielte Fragen nach Beobachtungen, Alternativen und Entscheidungsgründen systematisch zu erschließen – statt sie allein aus vorhandenen Dokumenten abzuleiten.